HEINZ JOSEF ALGERMISSEN
Hören,
was der Geist der Kirche sagt
Brief an die Gemeinden zur
Einführung als Bischof von Fulda
Liebe Schwestern und Brüder in den Gemeinden des Bistums Fulda!
Ich freue mich über das große Vertrauen, das der Heilige Vater in mich gesetzt
hat, und ich danke für die unzähligen Zeichen der Verbundenheit, die mich in
den letzten Wochen und Monaten erreicht haben: die Willkommensgrüße aus allen
Teilen des Bistums Fulda, die Worte der Ermutigung und der Kollegialität von
Seiten vieler Bischöfe aus anderen Bistümern.
Natürlich steht am Anfang die gespannte, für manchen vielleicht auch bange
Frage: Was ist das für ein Mann, der da in Fulda das Bischofsamt antritt?
Ich möchte Sie am liebsten selbst fragen:
Was erwarten Sie von Ihrem neuen Bischof?
Ich komme nicht mit einem fertigen Programm, ich habe weder eine wohlgesetzte
Regierungserklärung noch einen pastoralen Fünfjahresplan zu bieten. Ich komme
mit leeren Händen, aber einem Herzen voller Hoffnung und Vertrauen zu Ihnen,
als ein Hörender und Lernender.
Ich möchte lernen, was Gott unter Ihnen gewirkt hat und wirkt in Geschichte und
Gegenwart, in dem Zueinander von Gemeinden, in dem Miteinander der Seelsorger,
der Haupt- und Ehrenamtlichen und aller, die sich dem Aufbau der Gemeinde und
dem Kommen des Reiches Gottes in je ihrem Lebens- und Arbeitsbereich
verpflichtet fühlen, im Zeugnis lebendigen Glaubens im privaten wie im
öffentlichen Leben.
Ich möchte zusammen mit Ihnen allen verstehen, was der Geist der Kirche von
Fulda uns heute zu sagen hat.
Wir erleben gegenwärtig in der deutschen Kirche eine ungewöhnlich spannende
Zeit, aber auch unübersichtliche Situation: eine Phase des Umbruchs und des
Strukturwandels, die auch am Bistum Fulda - so vermute ich jedenfalls - nicht
vorbeigeht. Mancherorts wird der Rückgang der Glaubenspraxis beklagt, erlebt
man schmerzlich den Abbruch von Glaubenstraditionen, ist der Mangel an Männern
und Frauen spürbar, die zu einem Lebensengagement in der Kirche bereit sind.
Doch ich bin zutiefst davon überzeugt, dass auch heute die Botschaft des
Evangeliums höchst aktuell ist, dass Gott auch heute seiner Kirche genügend
Berufungen schenkt, dass unsere Welt auch heute - vielleicht mehr denn je - auf
unser Zeugnis und Bekenntnis angewiesen ist. Aber wir werden lernen müssen, uns
selbst die christliche Botschaft neu zu erschließen, um sie dann auch für
andere erfahrbar zu machen.
Besinnung auf die Anfänge des Glaubens
Liebe Schwestern und Brüder, wenn auch in der Kirche derzeit vieles im
Wandel ist und manche Veränderung ansteht, tut es Not, sich auf die Fundamente
zu besinnen: Was ist der tragende Grund? Was ist wesentlich, was auch
veränderbar? Was sind die Variablen, und welches ist die Konstante, die sich
durchtragen muss?
Mir persönlich ist es dabei eine Hilfe, nach den Wurzeln zu fragen, auf die
Anfänge der eigenen wie der gemeinsamen Glaubensgeschichte zu schauen. Wie
könnte ich daher nach Fulda kommen, ohne mich im Gebet und in Gedanken mit dem
heiligen Bonifatius zu besprechen, dem Apostel der Deutschen, dessen Grab in
der Krypta des Domes aufbewahrt ist! Angesichts seines Lebenszeugnisses
verstehe ich auch meine Sendung und unseren gemeinsamen Auftrag als Kirche von
Fulda. Einzelne Aspekte haben auch heute noch einen guten Klang und verdienen,
im Licht der Gegenwart genannt und gedeutet zu werden:
Missionarisch Kirche sein
Als junger Mann im benediktinischen Geist in Exeter erzogen, begeistert
sich Bonifatius für die Botschaft des Evangeliums. Nachdem er in seinem
Heimatland segensreich gewirkt hat, fühlt er sich - auf Wunsch des Papstes -
gedrängt, in den sächsischen und friesischen Missionsgebieten den Glauben zu
verkünden.
Wäre es nicht an der Zeit, diesen missionarischen Geist heute wieder zu
entdecken: dass wir nicht ängstlich und defensiv unsere Grenzen abstecken, uns
in die sakrale Nische unserer Tradition zurückziehen und den allgemeinen
Niedergang beklagen, sondern selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen, bereit,
"jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund unserer Hoffnung
fragt" (1 Petr 3, 15)? Ich möchte mir gern zu Eigen machen, was der
Erfurter Bischof Wanke in einem Brief an die Christen in unserem Land schreibt:
"Ich habe die Vision einer Kirche in Deutschland, die sich darauf
einstellt, wieder neue Christen willkommen zu heißen."
Lebendige Zellen des Glaubens
Bei allem missionarischem Eifer ist Bonifatius allerdings kein Heißsporn,
der mit dem Kopf durch die Wand will. Seiner Glaubensverkündigung liegt
vielmehr ein Plan zugrunde - heute würde man vermutlich von Konzepten und
Strategien sprechen - der seiner benediktinischen Spiritualität entspricht. Vom
Papst zum Erzbischof von Mainz ernannt, hat er in dem dortigen Bistum zunächst
eine Operationsbasis, von der er in die heidnischen Gebiete vorstoßen kann.
Bonifatius lässt es nicht dabei bewenden, zu predigen und zu taufen, er gründet
auch, wie hier in Fulda, Klöster und Mönchszellen: Orte, an denen der neue
Glaube lebendig und anschaulich wird. In einer Zeit großer Umbrüche und
Veränderungen schafft Bonifatius Inseln der Stabilität.
In Anlehnung an den verstorbenen Bischof Hemmerle könnte man den Pastoralplan
des heiligen Bonifatius mit dem dreifachen "Z" umschreiben:
"Zeugen, Zellen, Zeichen." Ich würde mir wünschen, dass es auch in
unserem Bistum Fulda viele Menschen gibt, die sich vom Geist Gottes neu
ansprechen und begeistern lassen; die im Geist Jesu zusammenkommen, sich am
Evangelium orientieren und so unscheinbarer, aber wirksamer Sauerteig unserer
Gesellschaft sind. Bitte helfen Sie mit, dass unsere Kirche auf diese Weise
lebendig und für andere anziehend wird.
Christsein mit Profil
Des Weiteren fällt mir an Bonifatius vor allem seine Standfestigkeit und
Furchtlosigkeit auf: ein Mann mit sich und seiner Botschaft identisch. Insofern
erträgt er auch Widerstände. So sehr es ihm um die Gewinnung der Menschen für
Christus geht, er biedert sich nicht an, schließt keine faulen Kompromisse. Wo
es um die Substanz seiner Botschaft geht, ist er klar und unnachgiebig. Da muss
die Donareiche bei Fritzlar gefällt werden, um unmissverständlich deutlich zu
machen: es gibt keine anderen Götter. Für diesen Glauben war er letztlich auch
bereit, sein Leben zu geben.
Eine Entscheidung für Gott und gegen die Götzen unserer Zeit ist auch heute
eine Entscheidung gegen den Trend. Es ist nicht leicht, im Freundes- oder
Kollegenkreis im Abseits zu stehen, weil man an der eigenen Glaubenspraxis, an
christlichen Werten und Überzeugungen festhält. Mir macht der Pragmatismus und
Populismus Sorge, mit dem in unserer Gesellschaft, in Medien, Wissenschaft und
Politik insbesondere das menschliche Leben an seinem Anfang wie in seinem Ende
in Frage und zur Disposition gestellt wird. Ich möchte allen danken, die als Christen
auch in der Öffentlichkeit Rückgrat zeigen und für ihre Glaubensüberzeugung
einstehen. Zugleich appelliere ich an alle Entscheidungs- und
Verantwortungsträger in unserem Land, mit der ganzen Autorität ihres Amtes
dafür einzutreten, dass unsere Gesellschaft ein menschliches Gesicht behält.
Im Haus des Wortes
Das Martyrium, das der heilige Bonifatius erlitten hat, als er bei den
Friesen und Sachsen den Glauben und das Evangelium verkündete und den
christlichen Glauben bekannt gemacht hat, hat mich sehr beeindruckt. Sie kennen
das Bild, wo er das Buch der Bibel über den Kopf hält, um sich zu schützen. Mir
steht dabei meine eigene Bischofsweihe vor 5 Jahren vor Augen. Im
entscheidenden Moment der Weihehandlung wird die Bibel wie ein Dach über den
Kandidaten gehalten, um anzudeuten: Von heute an sollst du im Haus des Wortes
wohnen. All dein Denken und Fühlen, dein Beten und Tun soll vom Wort Gottes
inspiriert sein, an ihm sollst du in deinem Reden und Tun Maß nehmen. Und wenn
es Widerstand von außen gibt, wenn die Welt uns nicht versteht: Beim Wort der
heiligen Schrift sollst du Zuflucht nehmen, es wird dich stärken, trösten,
aufrichten und je neu orientieren. Der Dienst der Verkündigung, der Dienst am
Wort Gottes ist gleichsam der erste Dienst, den der Bischof seinem Bistum zu
leisten hat.
Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte Sie einladen, sich mit mir neu unter
das Wort Gottes zu stellen. Es gibt keinen Gottesdienst, in dem nicht aus der
Schrift vorgelesen wird. Ich bitte Sie: Lassen Sie es sich gefallen, dass wir
uns gegenseitig je neu an das Evangelium erinnern, dass wir auch persönlich
daraus lesen und gemeinsam darüber sprechen und es in uns und unter uns
lebendig wird. Mein großer Wunsch ist eine geistliche Erneuerung unserer
Gemeinden aus dem Evangelium!
Der Einheit verpflichtet
Die Aufgabe eines Bischofs endet nicht an den Diözesangrenzen, er ist,
verbunden mit dem Papst im Kollegium der Bischöfe, zugleich auch Repräsentant
der Universalkirche. Für die Kirche in Deutschland hat Fulda darüber hinaus
aber noch eine ganz besondere Stellung und Verpflichtung. Sie, liebe Schwestern
und Brüder, wissen, dass sich die deutschen Bischöfe jedes Jahr zu ihrer
Herbstvollversammlung am Grab des heiligen Bonifatius in der Krypta unseres
Domes versammeln. Hier, am Grab des Apostels der Deutschen, muss auch die
Einheit der Kirche in Deutschland je neu gestärkt und bekräftigt werden. Als
Bischof von Fulda fühle ich mich innerlich verpflichtet, das Vermächtnis des
heiligen Bonifatius für die Kirche in Deutschland wach zu halten und mich mit
allen Kräften, noch über meine diözesanen Aufgaben hinaus, für die Einheit der
Kirche in unserem Land stark zu machen.
In zerbrechlichen Gefäßen: Leben aus der Kraft Gottes
Liebe Schwestern und Brüder,
ich möchte Ihnen danken für die vielen Zeichen des Vertrauens, des Willkommens,
die mir in den letzten Wochen und Monaten entgegengebracht worden sind.
Ihr Wohlwollen und Ihr Vertrauen beschämen mich, und ich möchte
alles daransetzen, den Erwartungen gerecht zu werden.
Natürlich erschreckt mich auch die Größe der Aufgabe und die Schwere der
Verantwortung. Ich weiß um meine Grenzen und Schwächen und bitte Sie herzlich,
mich darin zu tragen, vielleicht auch zu ertragen.
In solchen Stunden trägt mich, so habe ich es jedenfalls in den zurückliegenden
Jahren erfahren, mein geheimes Lebensmotto, das auch mein Wahlspruch für den
bischöflichen Dienst geworden ist: "Diesen Schatz tragen wir in
zerbrechlichen Gefäßen; so wird deutlich, dass das Übermaß der Kraft von Gott
und nicht von uns kommt" (2 Kor 4, 7).
Es geht um Gott: Er ist die Mitte der Kirche, von ihm dürfen wir alles
erwarten.
Ich möchte Sie bitten: Lassen Sie uns nicht bei den Schwächen - den eigenen wie
denen der anderen - stehen bleiben! Natürlich werden wir immer wieder erleben,
dass unsere Erwartungen enttäuscht werden, dass wir einander etwas schuldig
bleiben. Es ist leicht und vielleicht auch menschlich, allzu menschlich, die
Defizite aufzuzählen und sich beim Negativen aufzuhalten. Wo wir Menschen
versagen, sollten wir auf die Kraft vertrauen, die von Gott kommt, und uns
gegenseitig ermutigen und stützen. Auch darum möchte ich mich bemühen in meinem
Dienst am Bistum. Um diese Barmherzigkeit bitte ich aber auch Sie.
In Gottes Namen und auf sein Wort hin will ich meinen Dienst wagen, zusammen
mit Ihnen allen. So segne uns auf die Fürsprache der Gottesmutter und des
heiligen Bonifatius der allmächtige Gott!
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
+ Heinz Josef Algermissen